”Das
Tor von wunderbaren Gärten.”
Die
Ambivalenz der Sprachthematik in Robert Musils Roman ”Die Verwirrungen
des Zöglings Törleß”
Von der Evokation der Idee eines ”beredten Schweigens” im Sinne Maeterlincks, dessen Zitat Musil als Motto seinem Erstlingsroman voranstellt, bis zum ausschweifenden Monolog, in dem versucht wird, das Nicht-Fassbare unseres Denkens, Wahrnehmens und Fühlens, aber auch das Zwiespältige unseres Sprechens zu kommunizieren, vollzieht Musils Roman ”Die Verwirrungen des Zöglings Törleß” (1906) die Auseinandersetzung mit den zeittypischen Krisenerfahrungen des Wahrnehmens, des Erkennens und des Sprechens. Alle drei hängen zusammen in der Unmöglichkeit, Authentizität herzustellen oder zu kommunizieren: da wir nicht imstande sind, die Dinge so wahrzunehmen, wie sie sind, können wir sie auch nie in ihrem — postulierten — So-Sein erkennen. Sprache schiebt sich als zusätzlicher Filter zwischen Wahrnehmung und Kommunikation; was wir durch Sprache kommunizieren, ist nur die doppelte Verfälschung eines falsch Wahrgenommenen. So ungefähr würden die Prämissen lauten, auf denen Musil — basierend auf der einflussreichen Lektüre von Mach, Maeterlinck und Nietzsche — sein eigenes Schreiben in Angriff nimmt. Was in seinem frühen Roman noch ziemlich unvermittelt nebeneinander steht: das Wissen um die Kommunikationsdefizite von Sprache und das Ringen um eine neue Form des Sprechens/Schreibens, die diese Defizite zu umgehen vermöge, soll in meinem Beitrag näher ausgeführt werden. Eben das, was sich — durchaus im Sinne Wittgensteins — nicht sagen lässt, zu sagen: darin liegt der große Anspruch Musils resp. seines Protagonisten Törleß, der sich zusehends von den Konventionen unseres Sprechens zu lösen trachtet (seien es jene der Alltagssprache oder jene der Esoterik oder jene der Schulmathematik), um sich mit Hilfe einer ”neuen” Sprache den Sensationen des Unerhörten, des Schwer-Sagbaren, des Kaum-Wahrzunehmenden anzunähern. Es ist dieses Ringen um eine ”neue”, nämlich möglichst exakte und noch unverbrauchte Sprache, das ihm, dem jungen Internatsschüler wie auch dem Autor Musil und vielleicht auch dem Leser, ein ”Tor von wunderbaren Gärten” öffnet: ”Wenn er aber schrieb, fühlte er etwas Auszeichnendes, Exklusives in sich; wie eine Insel voll wunderbarer Sonnen und Farben hob sich etwas in ihm aus dem Meere grauer Empfindungen heraus, das ihn Tag um Tag kalt und gleichgültig umdrängte.”
Dass die Fallen und Stolpersteine unseres unreflektierten, alltäglichen Sprechens nicht als unüberwindbare Hindernisse genommen werden müssen, sondern im Gegenteil als Anstoß für ein Bemühen um eine ”neue”, andere Sprache wirken können und sollen, das führt Musils Roman ”Die Verwirrungen des Zöglings Törleß” deutlich vor Augen. Als Ansporn gilt dieser Impuls für Musils Gesamtwerk. In der Rezeption durch jüngere Autor/innen des 20. Jahrhunderts bleibt er auch für die folgenden Autorengenerationen bestimmend.