Ă–sterreich/Zentraleuropa zwischen verbalen, nonverbalen und idealen Sprachen
Die Habsburgermonarchie war ein vielsprachiger Staat, im verbalen und nonverbalen Sinne, und sie war daher auch durch eine Vielzahl sinngebender Symbolsysteme bestimmt (genannt seien Architektur, literarische Topoi, Brauchtum, Traditionen der KĂĽche oder der Musik).
Als die verbalen Sprachen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert zusehends mit der Aufgabe nationaler Identitätsstiftung befrachtet wurden, wurde von Seiten des Staates eine Sprachvereinheitlichung gesucht, sowohl auf verbaler Ebene, wie z. B. durch die Vereinheitlichung der Verwaltungssprache durch Josef von Sonnenfels, als auch auf nonverbal-symbolischer Ebene, wie z. B. auf der architektonischen: In den Kronländern wurden zahlreiche öffentliche Gebäude in einem ”Universalstil” errichtet. Dafür lieferten die großen Stile der Vergangenheit (Gotik, Renaissance, Barock), denen zunächst im Vielvölkerstaat kein nationalistischer Sinn anhaftete, die Orientierungsmuster.
Diese staatlichen Vereinheitlichungsversuche auf sprachlicher Ebene verflüchtigten sich jedoch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusehends, als sich das aufstrebende liberale Bürgertum von den Vorgaben staatlicher Autorität befreite. Zwar waren die Differenzen mit den Zentralisierungsversuchen verwischt und aufgeweicht worden, in der zweiten Jahrhunderthälfte wurden sie aber wieder umso sichtbarer (Sprachenkonflikte). Als um 1900 ein tiefgreifendes Krisenbewusstsein um sich griff, das durch den Zerfall der multikulturellen Staatswesen sowie kultureller und wissenschaftlicher Ordnungen nach 1918 noch rapid zunahm, vergrößerte sich aber wieder die Antriebskraft zur Vereinheitlichung, nunmehr aber nicht von Seiten des Staates, sondern seitens seiner ”Kulturschaffenden”: Insbesondere forcierten österreichische Wissenschaftler jeder ideologischen Schattierung den Aufbau vereinheitlichender kognitiver Systeme. Dabei gewannen Wissenschaftsauffassungen die Oberhand, die vollständige Transparenz beanspruchten und nach Logifizierung und Universalität strebten. Paradebeispiele dafür liefern Wittgensteins Logisch-Philosophische Abhandlung, aber auch der ”logische Positivismus”, jenes philosophische Programm einer formal strukturierten Universalwissenschaft auf mathematisch-logischer Grundlage. Ausdruck dafür ist u. a. das philosophische Programm des Wiener Kreises, der auf dem Wege zur ”Sprachvereinheitlichung” ein hierarchisches System universell gültiger Begriffe zu konstruieren versuchte, letztlich eine ”Idealsprache”.....
Das Referat will die Wechselwirkungen zwischen der sozialen, politischen und kulturellen Dimension und sprachlichen sowie wissenschaftlichen Ausdrucksformen im diachronen Verlauf aufzeigen.