Kulturelle Identitäten und kollektive staatserhaltende Narrative im habsburgischen Vielvölkerstaat des 18. und 19. Jahrhunderts
Die Legitimität der habsburgischen Herrschaft über das ethnisch und administrativ höchst differenzierte Gesamtreich wurde gerade im 18. und 19. Jahrhundert oft in Frage gestellt. Die Dynastie und ihre Vertreter reagierten auf die Emanzipations- und Föderalisierungstendenzen mit der (dynastischen) ”Gesamtstaatsidee”, die den Kaiser als das eigentliche verbindende Element der vielfältigen Teile ”Österreichs” darstellte — paradigmatisch kam dieses Vorgehen im Wahlspruch des Reichs ”Einheit in der Vielheit” zum Ausdruck. Die Konfrontation mit dem ”Anderen” auf den verschiedensten Ebenen (Verwaltung, Gesetzgebung, Handel, Migrationen usw.) und die daraus resultierenden Symptome der Krise führte die Vertreter alternativer staatserhaltender Narrative zu der Einsicht, dass auch diese Form einer ”Staatsnation” den tatsächlichen Gegebenheiten des Gesamtreiches nicht gerecht werden konnte; Repräsentanten dieser Traditionen (Frantisek Palacký, Joseph von Helfert u.a.) sahen den "österreichischen Gesamtstaat” statt dessen durch seine internen Differenzen und die daraus entstehenden kreativen Potentiale wesentlich bestimmt: die Möglichkeit einer (wenn auch transnationalen) ”Nation” Österreich, wurde damit zugunsten der Forderung nach dem Bestehenbleiben von Differenz hintangestellt. Diese sehr offenen Perspektiven eines Gesamtstaates "Österreich” liefen so weniger Gefahr in hegemoniale Strukturen und Muster zu verfallen.