Balázs Mezei:


Zwischen österreichischer Philosophie und Neoscholastik:
Das Werk Béla von Brandensteins


Wenn man über ”ungarische Philosophie” spricht, denkt man normalerweise an Philosophen, die international bekannt und gewissermaßen einflußreich sind, wie vor allem Georg Lukács und seine Schüler. Lukács selbst gehörte ursprünglich zu einer philosophischen Kultur, die an der Wende des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts in verschiedenen ungarischen Städten lebendig war, vor allem in Budapest und Kolozsvár. Die philosophischen Diskussionen in Ungarn während des neunzehnten Jahrhunderts waren durch die vorherrschenden Debatten über die philosophische und wissenschaftliche Bedeutung der Kantischen und Hegelschen Philosophie in der Donau-Monarchie geprägt. Am Ende des Jahrhunderts wurde langsam eine philosophische Kultur in Ungarn gebildet, die bereits ungarsprachig war und an den Universitäten einen gewissen Einfluß gewann. Karl Böhm, in Siebenbürgen tätig, unterrichtete an der Kolozsvárer Universität und entwickelte eine Philosophie, die vor allem als systematisch und besonders stark an Kant orientiert gekennzeichnet werden kann. Die Bemühungen Bernát Alexanders an der Budapester Universität waren vielleicht wichtiger in organisatorischer als in philosophischer Hinsicht. Einer seiner Schüler, Ákos von Pauler, war aber in der Tat ein Denker, der versuchte, eine gut begründete Synthese zu entwickeln, die einige Tendenzen der Tradition der österreichischen Philosophie mit eigenen Einsichten verknüpfte. Die Wichtigkeit Bolzanos im Werk Paulers ist bekannt; Paulers Einführung in die Philosophie, die auf deutsch 1922 zum ersten Mal erschien, erregte internationale Aufmerksamkeit, die Pauler wohl verdiente: dieses Buch ist ein philosophisch bemerkenswerter Versuch, ein knapp, jedoch klar formuliertes System des logischen Objektivismus zu präsentieren. Béla von Brandenstein war ein Schüler Paulers an der Budapester Universität, und folgte ihm im Jahre 1934 an den philosophischen Lehrstuhl derselben Universität.In meinem Paper werde ich die Philosophie Brandensteins charakterisieren; ich betone, dass sein Denken, sowohl methodologisch wie auch thematisch, in vieler Hinsicht von der Philosophie Paulers abhängig ist. Aufgrund der Veröffentlichungen Brandensteins zwischen 1948 und 1969 -- als er an der Universität Saarbrücken tätig war -- werde ich zwei Themen herausheben, welche die Tiefe und Originalität Brandensteins zeigen: seinen Begriff des ”Vollbewußtseins”, und seine anthropologische Sprachtheorie.