Katalin Neumer:

Sprachkritik im 18. Jahrhundert


Von der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts behauptet man öfters, sie sei durch den sogenannten ”linguistic turn” geprägt, und zwar auch über die Grenzen der Philosophie hinweg. Eine ähnliche ”sprachkritische Wende” lässt sich allerdings bereits im 18. Jahrhundert nachweisen, und zwar nicht nur aufgrund der pflichtgemäß hiezu zitierten Beispiele von Hamann, Herder oder Jacobi. So galt der folgende Gedanke als einer der geistigen Leitideen jenes Jahrhunderts: Wir sollen unsere Ausdrücke mit unseren Ideen, und diese wiederum mit den Dingen, die sie bezeichnen, klar und deutlich verknüpfen, da ohne eine klare und deutliche Relation zwischen ihnen unsere Ausdrucksweise und somit in Folge auch unsere Kenntnisse dunkel und verworren bleiben. Diese sprachkritische Idee erschien gleichsam an allen Fronten (Rationalisten sowie Empiristen bzw. Sensualisten) und in entsprechenden Behandlungen zahlreicher Themen wie etwa die Entwicklung möglicher Universalsprachen. Unter Berücksichtigung weiterer Komponenten einer sprachlichen Mitteilung wurde die Konzeption vom ”Genius der Sprachen” bzw. ”Nationen” entwickelt, und zwar wiederum an allen Fronten: ”Genius” bezeichnet in diesem Zusammenhang die differentia specifica einer Nation bzw. einer Sprache und ist bestimmt als charakteristischer Gesichtspunkt der Weltbetrachtung, welcher sich u.a. manifestiert in differenzierten Metaphern, Idiomatismen, Tropen und Wortfolgen sowie der Intonation bzw. Akzentuierung einer Sprache unter Berücksichtigung von Gestik, Mimik und Handlungen. Dabei zeigen sich die Unterschiede zwischen den Autoren des 18. Jahrhundert nicht in der Beschreibung des Phänomens, sondern ausschließlich in der Bewertung seiner Bedeutung. So erschienen Vertretern der einen Position, wie etwa Lambert und Leibniz jene Differenzen unbedeutend und sogar schädlich, da sie unsere Ausdrucksweise und damit unsere Ideen nur dunkel und verworren machen. Herder hingegen ersetzte das herkömmliche Begriffspaar ”klar und deutlich” durch ”deutlich und lebendig”, da unsere Ausdrucksweise überhaupt nur dann deutlich sein kann, wenn sie lebendig ist, d.h. unter Anwendung der angeführten sprachlichen Mittel. Weiterhin wurden die obigen Begriffe von vielen Autoren auch mit jenen von ”schriftlich” und ”mündlich” in Zusammenhang gebracht: Man hat geglaubt, zu klaren und deutlichen Gedanken und klarer und deutlicher Ausdrucksweise vornehmlich anhand von schriftlichen Mitteilungen gelingen zu können. Auf der anderen Seite hat man die Merkmale, die man dem Genius der Sprachen bzw. der Nationen zugeschrieben hat, in den mündlichen Mitteilungen realisiert gesehen. Herders diesbezügliche Position unterscheidet sich darin von der gewöhnlichen, dass er ”deutliche und lebendige” Gedanken und Ausdrucksweise - und sogar die Verwirklichung der Einheit von Sprache und Denken - nur von mündlichen Mitteilungen erhofft hat.