Bettina Rabelhofer:

”Ein Stück von der Haut meines kleinen Fingers”
Zu Hysterie und Aphasie des Lord Chandos


Hofmannsthals erfundener Brief des ”Lord Chandos” wird als Schlüsseltext für die (Sprach)Krise moderner Subjektivität gelesen und erhält damit zugleich auch eine zeitdiagnostische und programmatische Dimension.

Mich interessieren in diesem Zusammenhang — jenseits des schon zur Genüge konstatierten Sprachzerfalls –– die Korrespondenzen der Chandos-Problematik mit anderen Texten der Jahrhundertwende, denen ebenso ‚aphasische Konstellationen’ eingeschrieben sind. Als einen Spezialfall von Aphasie lässt sich vielleicht die Symptomatik der Hysterie begreifen: Das Auseinanderdriften von Signifikant und Signifikat manifestiert sich hier als (‚pathogene’) Symptomatik des Körpers, der Gebärde, der Stimme. Anna O. und Lord Chandos reagieren, so gesehen, wenn auch unter geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Rahmenbedingungen, auf den Entzug von ‚Bedeutung’..... Die Sprach- und Bedeutungskrise manifestiert sich auch als Krise dualistischer Vorstellungsräume: Psychophysische Zusammenhänge verschaffen sich durch ihre ‚pathogene’ Symptomatik ‚Gehör’; das Gedächtnis gehört dem Körper (Hysterie). Ich möchte nun ‚Korrespondenzphänomene’ von Bedeutungs- und Identitätskrisen, die auch immer zugleich Krisen der Repräsentation sind, anhand von literarischen (Hofmannsthal) und psychiatrisch/psychoanalytischen (Freuds/Breuers ”Studien über Hysterie”) Texten der Jahrhundertwende untersuchen und sie in den Zusammenhang semiotischer und symbolischer Sinngebungsprozesse stellen.