Sprache, Denken, Nation

 

 

 

Die Begriffe “Sprache” und “Denken” sowie ihre Relation zueinander erscheinen in einer ersten Annäherung u.a. als Gegenstände sprachtheoretischen und –philosophischen, erkenntnistheoretischen oder psychologischen Untersuchungen. Der Ausdruck “Nation” hingegen gehört auf den ersten Blick zum Bereich der Geschichtsschreibung, und zwar in einem weiten Sinne, welcher nicht nur politische Ereignisse, sondern auch Kulturphänomene, Ideengeschichte, Literatur, Musik und Kunst umfaßt. In einigen Perioden allerdings traten die genannten Begriffe auch in verknüpfter Form auf, etwa in der Epoche der Bildung moderner Nationen und Nationalstaaten sowie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dabei ist besonders interessant, daß diese auf den ersten Blick bloß von aktuellen Interessen und Situationen ins Leben gerufene Verflechtung auch in theoretisch bedeutenden Schriften ihren Niederschlag fand, und zwar in einer Weise und Dominanz, welche uns auch heute noch zu weiteren Überlegungen veranlassen kann. Besonders prägnant zeigt sich diese Problematik in den dichotomischen Phänomenen der Donau–Monarchie: trotz fehlender Nationalstaatlichkeit erschien sie durch ihre heterogenen politischen und kulturellen Geistesströmungen und Bewegungen für die Konstruktion und Verstärkung nationaler Identitäten geradezu prädestiniert. Somit konnte man sich einerseits mit den Worten Musils schwerlich als “Österreicher–Ungar fühlen”, so “es [...] nicht einmal ein richtiges Wort dafür” gab, andererseits zeigten etwa die Bewegungen in Tschechien, Ungarn, Kroatien, Serbien etc., Bestrebungen, die eigene Sprache in Einklang mit den Eigenschaften der jeweiligen Nation zu “reinigen” und zu “erneuern” oder auch eine eigene Nationalliteratur zu schaffen.

Das hier vorgeschlagene Projekt setzt sich dabei nicht nur zum Ziel die im engeren Sinne verstandenen Probleme der Donaumonarchie zu thematisieren sondern sie auch in den oben genannten weiteren allgemein–theoretischen Zusammenhang zu stellen.

 

 

Von der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts behauptet man öfters, sie sei durch den sogenannten “linguistic turn” geprägt, und zwar auch über die Grenzen der Philosophie hinweg. Eine ähnliche “sprachkritische Wende” lässt sich allerdings bereits – wie einige Beiträge dieses Projektes zeigen werden – im 18. Jahrhundert nachweisen. So galt der folgende Gedanke als einer der geistigen Leitideen jenes Jahrhunderts: Wir sollen unsere Ausdrücke mit unseren Ideen, und diese wiederum mit den Dingen, die sie bezeichnen, klar und deutlich verknüpfen, da ohne eine klare und deutliche Relation zwischen ihnen unsere Ausdrucksweise und somit in Folge auch unsere Kenntnisse dunkel und verworren bleiben. Diese sprachkritische Idee erschien gleichsam an allen Fronten (Rationalisten sowie Empiristen bzw. Sensualisten) und in entsprechenden Behandlungen zahlreicher Themen wie etwa die Entwicklung möglicher Universalsprachen. Unter Berücksichtigung weiterer Komponenten einer sprachlichen Mitteilung wurde die Konzeption vom “Genius der Sprachen” bzw. “Nationen” entwickelt, und zwar wiederum an allen Fronten: “Genius” bezeichnet in diesem Zusammenhang die differentia specifica einer Nation bzw. einer Sprache und ist bestimmt als charakteristischer Gesichtspunkt der Weltbetrachtung, welcher sich u.a. manifestiert in differenzierten Metaphern, Idiomatismen, Tropen und Wortfolgen sowie der Intonation bzw. Akzentuierung einer Sprache unter Berücksichtigung von Gestik, Mimik und Handlungen. Dabei zeigen sich die Unterschiede zwischen den Autoren des 18. Jahrhundert nicht in der Beschreibung des Phänomens, sondern ausschließlich in der Bewertung seiner Bedeutung. So erschienen Vertretern der einen Position, wie etwa Lambert und Leibniz jene Differenzen unbedeutend und sogar schädlich, da sie unsere Ausdrucksweise und damit unsere Ideen nur dunkel und verworren machen. Herder hingegen ersetzte das herkömmliche Begriffspaar “klar und deutlich” durch “deutlich und lebendig”, da unsere Ausdrucksweise überhaupt nur dann deutlich sein kann, wenn sie lebendig ist, d.h. unter Anwendung der angeführten sprachlichen Mittel. Obwohl selbst Herder und Humboldt, die “Klassiker” der These der Einheit von Sprache und Denken, die Einheits–These nicht dogmatisch vertraten, sondern auch dem Unaussprechbaren seinen Spielraum gewährten, hat sich die letztere Tendenz um die Jahrhundertwende und in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in den Schriften einiger Vertreter der Romantik oder bei Kierkegaard verstärkt, die das Problem – die Grenzen – der Mitteilbarkeit anhand von sprachlichen Mitteln in den Vordergrund gerückt haben.

 

Die enge Verbindung zwischen Philosophie und Nation im Zuge der Ausprägung eines eigenen Nationalbewußtseins lässt sich ebenfalls für die Zeit des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts im mitteleuropäischen Raum belegen. So prägte etwa Fichte den Begriff einer deutschen Philosophie in dem er in seinen Reden and die deutsche Nation  die eigentlich “wahre, in sich selbst zu Ende gekommene und über die Erscheinung hinweg wahrhaft zum Kerne derselben durchgedrungene Philosophie” als “recht eigentlich nur deutsch” bezeichnete. Dieses durch die Romantik geprägte nationale Bewußtsein und eine dadurch legitimierte Philosophie zeigte sich etwas verzögert auch in der Donaumonarchie, so etwa in den Diskussionen einen tschechischen Philosophie in Böhmen der 1840er, dem Versuch der Etablierung einer “harmonistischen Philosophie” als eine nationale ungarische, oder aber auch die maßgeblich durch die Historie und politischen Ereignisse geprägte Philosophie Polens des späten 18. Jahrhunderts. Obgleich man nicht von einer in analoger Weise national geprägten “österreichischen Philosophie” sprechen konnte, war diese natürlich dennoch durch die theresianisch–josephinischen Bildungsreformen bestimmt. An die Stelle der Scholastik und des Aristotelischen Systems traten der Leibniz–Wolffsche Rationalismus, Historia naturalis ersetzte die Metaphysik. Karl Anton von Martini, der ab 1753 einen Lehrstuhl für Naturrecht in Wien besaß, verbreitete mit seiner Naturrechtslehre die deutsche Aufklärungsphilosophie in Österreich. In den Jahren nach 1830 setzte sich schließlich die Philosophie Friedrich Heinrich Jakobis durch. Und in Jakobis enger Verbindung zu Hamann zeigt sich wiederum die Relevanz einer bereits zu dieser Zeit vorherrschenden Sprachkritik. So erscheint etwa Hamanns in einem Brief an Jacobi aus dem Jahr 1784 geäußerte Vermutung, “daß unsere ganze Philosophie mehr aus Sprache als Vernunft besteht”, und es “uns also noch immer an einer Grammatik der Vernunft, wie der Schrift und ihrer gemeinsamen Elemente” fehlt, wie eine Vorwegnahme zentraler Themen der Wittgensteinschen Spätphilosophie. Und zu erwähnen sei natürlich ebenfalls die Verbreitung des Kantianismus im Lichte der josephinischen Aufklärung durch insbesondere Karl Leonhard Reinhold, welcher – inspiriert durch Jakobi – in seinen Arbeiten ebenfalls die Relation zwischen Denken und Sprache thematisierte. Darüber hinaus war Reinhold ebenfalls in starkem Maße durch Herder geprägt, was sich etwa in seiner Würdigung Herders aus dem Jahr 1785 zeigt. Ferner ist Herders Einfluss auf ungarische Intellektuelle, sowohl in sprachtheoretischer als auch geschichtsphilosophischer Hinsicht, gemeinhin bekannt. Aber auch die Streitigkeiten der ungarischen sogenannten “spracherneuernden” Bewegung und die Sprachreform Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts sind ohne den Hintergrund der deutschen und österreichischen Romantik, aber auch ohne die rationalistischen Theorien über das Wesen der Sprache und Sprachentwicklung nicht analysierbar.

 

Die Frage des Verhältnisses zwischen Gedanken, Sprache und Welt rückte dann insbesondere wieder zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Vordergrund des theoretischen Diskurses, so etwa in Freges Konzeption von Sinn und Bedeutung, Bolzanos “Satz an sich” bzw. “Vorstellung an sich”, Russells Konzeption der Eigennamen, Mauthners sprachkritischen Ideen, der Abbildtheorie des frühen Wittgenstein, sowie den Arbeiten des Wiener Kreises und späten Wittgenstein. Die eine Richtung dieser sprachkritischen Gedanken, wie sie sich etwa in Wittgensteins Tractatus oder beim Wiener Kreis findet, besteht darin, “Grenzen der Sprache” zu ziehen, um innerhalb des Bereichs des sinnvoll Sagbaren zu bleiben. Allerdings ist etwa auch bereits im Tractatus eine andere Position durch den Hinweis auf die Wichtigkeit des Unaussprechbaren angedeutet. Diese Richtung findet sich auch bei Mauthner. Während er sich unter dem Hinweis auf Herder und Humboldt für die These der Einheit von Sprache und Denken bekennt, hält er es für die Aufgabe der Sprachkritik, aufzuzeigen, daß sich die Sprache zur Mitteilung und Erkenntnis der Welt als ungeeignet erweist.

 

Um die Jahrhundertwende war der zentraleuropäische Raum aber auch außerphilosophisch geprägt durch weitgreifende ökonomische, soziale und kulture Transformationen ausgehend vom 17./18. Jahrhundert. Eine mit dem Prozess der Modernisierung einhergehende lebensweltliche Differenzierung und Pluralisierung war kennzeichnend für das 19. Jahrhundert, insbeondere die Zeit um 1900. Reflexive Auswirkungen solcher Prozesse zeigten sich hierbei deutlich in der Philosophie, Literatur, Kunst und Musik, aber auch ganz alltäglichen Erscheinungsformen. Machs berühmte These des unrettbaren Ichs etwa galt geradezu als Versinnbildlichung des Verlustes traditioneller Orientierungssysteme und eines neu entstandenen Verständnisses von Subjekt, Sprache und Welt. Die Grenze zwischen Sein und Schein schien hinfällig. An die Stelle der naturalistischen Perspektive treten Expressionismus, Impressionismus und Symbolismus. Die Auflösungen jener traditionell klaren Linien zeigen sich etwa in den Schriften Musils, Bahrs, Hofmannthals oder Schnitzlers, sowie den Werken Klimts, Schieles, Kokoschkas oder Kubins. Während also auf der einen Seite der Neuhumboldtianismus einen Aufschwung erlebte, geriet andererseits die von Humboldt vertretene Idee der “Weltansicht der Sprache“  in eine Krise.

 

Die mit den angesprochenen Veränderungen einhergehende politische, soziale und kulturelle Neuorientierung führte auf der anderen Seite zu einem neuen Verständnis von Identität, insbesondere verstärkt durch die traditionell ethnisch–kulturelle und sprachliche Heterogenität in den urbanen Millieus Zentraleuropas dieser Zeit. So war die Rolle von Sprache und ihrer Beziehung zur außerwissenschaftlichen Lebenswelt ebenso im Zusammenspiel kultureller Heterogenität und kollektiver Identität von maßgeblicher Bedeutung.

 

In diesem Zusammenhang des Verhältnisses von Sprache und Kultur standen etwa auch die Untersuchungen der vorhin erwähnten Neuhumboldtianer und von Sapir und Whorf, die für die Spätphilosophie Wittgensteins zentralen Begriffe des “Sprachspiels“ und der “Lebenform“ oder etwa Körners “categorial framework“. Zudem zählten Tendenzen einer Vereinheitlichung von Sprache und Denken und die Annahme einer weltbildkonstituierenden Rolle der ersten Sprache – der Muttersprache – sowie die zentrale Funktion nationaler Kultur bereits zu den verbreitetsten Positionen zwischen den beiden Weltkriegen. Dies zeigt sich etwa in den Beiträgen zu “Sprache“, “Sprachphilosophie“, “Herder“ oder “Humboldt“ des Krönerschen Philosophischen Wörterbuchs aus dem Jahr 1943, versteht man Lexika auch als Spiegel der geistigen Aura einer Zeit.

 

Im Rahmen dieses Kontextes stellt sich schließlich ebenso die Frage einer Völkercharakterologie, sowie der Bestimmung eines Volkstums, einer Nation bzw. eine Rasse und die Rolle von Sprache, Wissenschaft, Kultur, Religion, Kunst, Moral oder Wirtschaft in diesem Zusammenhang, das heißt inwieweit sich etwa das “innere“ Wesen, der Geist eines Volkes überhaupt in äußeren Objektivationen zeigt und wenn ja, in welcher Form. Im deutschen Sprachraum äußerten sich zu diesen Fragen inbesondere Oswald Spengler, Eduard Spranger oder Othmar Spann und zwar auch unter Berücksichtigung der Frage, was es heißt, Deutscher oder Österreicher zu sein. Völkercharakterologien entstanden auch in Ungarn. Als das prägnanteste Beispiel gilt hier sicherlich Lajos Prohászkas Charakterisierung der ungarischen seelischen Einstellung. Zu erwähnen sind aber auch Sándor Karácsonys Untersuchungen zu identifizierenden Eigenschaften der ungarischen Sprache und damit verbunden der ungarischen Denkweise, welche er den Charakteristika der deutschen Sprache und Denkweise gegenüberstellt, sowie István Bibós freilich viel tiefere Ausführungen zur Bestimmung von Nation.