Peter Stachel:


Zweierlei Sprachphilosophie aus Prag
Bernard Bolzano und Fritz Mauthner


Anhand der beiden Prager Philosophen wird die prägende Wirkung eines hochpolitisierten mehrsprachigen Umfeldes auf philosophische Auffassungen von Sprache untersucht. Zentraleuropa kann als Region aufgefaßt werden, die durch Vielsprachigkeit (im verbalen und nonverbalen Sinn) geprägt ist; eine Vielsprachigkeit, die mit der Erhebung der Sprache zum wesentlichsten Definitionsmerkmal einer ”Nation” im Laufe des 19. Jahrhunderts von zunehmender Brisanz wurde. Prag war einer der Brennpunkte dieses Nationalitätenkonflikts.
Der katholische Priester Bernard Bolzano (1781–1848) trat in seiner Wissenschaftslehre für die strikte Trennung zwischen der konkreten grammatikalischen Form eines Satzes als Lautfolge und seiner eigentlichen logischen Aussage ( Satz-an-sich) ein und thematisierte damit bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das für die spätere Analytische Philosophie zentrale Bedeutungsproblem. Seiner Auffassung von der prinzipiellen Subjektunabhängigkeit von Erkenntnis entspricht auf politischer Ebene seine Überzeugung von der Gleichwertigkeit aller ”natürlichen” Sprachen, da die jeweils konkrete Lautfolge, die als Wort einen Begriff bezeichnet, ein auf bloßer Gewohnheit beruhendes kulturelles Konstrukt sei und in keinem notwendigen Zusammenhang mit dem von ihr Bezeichneten stehe (Arbitrarität).
Fritz Mauthner (1849–1923), ein bekennender Atheist jüdischer Abstammung, vertrat die Position eines besonders radikalen Nominalismus, demzufolge Sprache unfähig sei, Wirklichkeit abzubilden. Daher sei Sprache als Erkenntnisinstrument ungeeignet. Da aber andererseits alle kulturellen Praktiken von Mauthner als Funktionen der Sprache begriffen werden, wird das Individuum durch seine ”Muttersprache” kulturell vollständig determiniert und zum Mitglied der Sprachgruppe ”Nation”, die zu allen anderen Sprachgruppen in gleichsam natürlicher Opposition steht.
Die Interpretation der sprachphilosophischen Auffassungen Bolzanos und Mauthners im politisch-kulturellen Kontext der Mehrsprachigkeit als sozialer Praxis wird durch explizite politische Aussagen beider Autoren untermauert: Während Bolzano alle Bewohner Böhmens als im Prinzip zweisprachig auffaßte und für die Förderung der aktiven Zweisprachigkeit durch das Bildungssystem optierte, vertrat Mauthner die Ansicht, daß jeder Mensch nur eine Muttersprache haben könne, die ihn kulturell umfassend präge; in seinen politischen Schriften vertrat er einen betont aggressiven Deutschnationalismus.