Katalin Neumer
Die Aspekte der Seele
Wittgenstein nach den Philosophischen Untersuchungen
Problemstellung
Wittgenstein wendet sich in seinen letzten Jahren mit erneutem Interesse den Fragen des Mentalen zu. Dabei fesseln ihn wieder Probleme, die er – so schien es zumindest – bereits in den Philosophischen Untersuchungen beruhigend gelöst hatte. In der Neureflexion auf Fragen des Mentalen entfernt er sich nun – gewollt oder ungewollt, bewußt, oder unbewußt – öfters von seiner früheren Konzeption: So macht er etwa Schritte in die Richtung einer Privatsprachenkonzeption; die Gebrauchstheorie der Bedeutung beginnt ebenfalls ins Wanken zu geraten oder stößt zumindest an ihre Grenzen. In der Periode ab 1946 läßt sich bei Wittgenstein nicht bloß eine thematische Akzentverschiebung und ein Zu-Tage-kommen der inneren Diskrepanzen seiner früheren Konzeption feststellen, sondern er führt auch neue Begriffe (wie „Bedeutungserlebnis”, „sekundäre Bedeutung” und „Aspektwechsel”) ein, und in vieler Hinsicht skizziert er sogar ein neues begriffliches Netz. Somit ist die Zeit ab 1946 als eine neue Schaffensperiode in seinem Lebenswerk zu betrachten.
Die vorhin berührten begrifflichen Probleme bezüglich der Privatsprachenkonzeption und der Gebrauchstheorie der Bedeutung rühren unter anderem von diesem neuen begrifflichen Netz her. Das Produkt der letzten Jahre Wittgensteins ist dennoch nicht eine Panne, sondern vielmehr ein intellektuell fesselnder Versuch, ein nuanciertes begriffliches Netz zu entwickeln und Probleme komplexer zu behandeln als früher. Folgt man der Bemerkung 123 der Philosophischen Untersuchungen, die sagt, „Ein philosophisches Problem hat die Form: ‚Ich kenne mich nicht aus’”, so sind wir auf den Spuren der letzten Bemerkungen Wittgensteins bei philosophischen Problemen angelangt, die auf ein erneutes Durchdenken warten.
Inhaltsverzeichnis
Wittgensteins letzte Jahre (1946–1951) und einige Fragen zum Nachlaß
1. Wittgenstein nach den Philosophischen Untersuchungen
1.1. Einige Probleme der Philosophischen Untersuchungen
1.2. Änderungen im begrifflichen Netz und der Konzeption Wittgensteins nach 1946
2. Die Arbeitsweise und der Nachlaß Wittgensteins und manche Probleme der Wittgenstein-Ausgaben
I. Regeln, Übereinstimmung und das Verstehen des Anderen
1. Individualität, Subjekt, Person
2. Die Individualität innerhalb der Grenzen der Regelbefolgung
2.1. Regelfolgen
2.2. Die Übereinstimmung in den Urteilen
2.21. Zu Bemerkung 242 der Philosophische Untersuchungen
2.22. Wittgensteins Überlegungen zur Gewißheit in seinen letzten Jahren
2.221. Die tatsächliche Divergenz der Urteile
2.222. Das Verstehen der Urteile des anderen
2.223. PU 242 contra Bemerkungen zur Gewißheit
2.224. Wer fällt das Urteil?
2.23. Die Übereinstimmung in den Urteilen über Gefühle
2.24. Die schwankende Evidenz des menschlichen Verhaltens und Lebens
3. Konsequenzen für die Möglichkeit, andere Lebensformen zu verstehen
II. Bedeutungserlebnisse und Aspekte
(Zweifel über die Gebrauchstheorie der Bedeutung)
1. Die Grenzen der Gebrauchstheorie der Bedeutung (zu PU 43)
2. Bedeutungserlebnis, sekundäre Bedeutung, Aspektwechsel
3. Was geht dem Bedeutungsblinden ab?
4. Die Grenzen des Verstehens (an der Grenze einer Theorie)
4.1. Menschenkenntnis und Wittgensteins „private Weltanschauungskonzeption”
4.2. Verstehen ohne Gebrauch
III. Sekundäre Bedeutung und Privatsprache
1. Nicht jeder Gebrauch ist Bedeutung: die kapriziösen Bildungen der Sprache
2. Primäre und sekundäre Bedeutung
3. Sekundäre Bedeutung, Erlebnis, Aspektsehen in der Sekundärliteratur
4. Drei Arten der Regelbefolgung: die mechanische, die organische und die Ordnung der sekundären Bedeutung
5. Das Verstehen der sekundären Bedeutung
5.1. An der Grenze einer Privatsprache?
5.2. Möglichkeiten des Verstehens
IV. Das Innere, das Äußere und der Kontext
1. Variationen über das Verstehen des Inneren
2. Die unberechenbare Seele
3. Wieder sekundäre Bedeutung: der Weg vom Äußeren zum Inneren und zurück
V. Die Aspekte und die Anderen: Meinen und Intendieren
1. Mechanisch, denkend, nachdenkend
2. Aspektsehen und Aspektwechsel – zwischen Reflexion und Irreflexion
3. Meinen und Intendieren
4. Das Verstehen der Intentionen der Anderen
5. Schlußbetrachtung
VI. Aspekte: Bilder sehen, Musik hören
1. Bilder im Spätwerk
2. Film und Foto zwischen 1929 und 1945
3. Film und Foto zwischen 1946 und 1951
4. „Vergleichsobjekte”: Theater, Malerei und Musik zwischen 1946 und 1951
5. Exkurs: „gute”, „schlechte” und „verdächtige” Bilder und Töne
Anhang I: Manu- und Typoskripte 1946–1951 und ihre Datierungsprobleme
Anhang II: Konkordanz zwischen den Manu- und Typoskripten aus 1946–1951 und den gedruckten Wittgenstein-Ausgaben